Geschwollen

2007 Dezember 14
by julie

Wie jeden Morgen wache ich auf, es ist ein kurzer Moment, ein Bruchteil einer Sekunde, ich bleibe regungslos liegen und spüre doch, wie mein Traum mir entgleitet, wie durch einen Trichter gesogen verschwindet er im Nichts, schade, ich glaube, es war ein schöner Traum, auch wenn ich nicht einmal mehr sagen könnte, was für Bilder da in meinem Kopf waren.

Ich kann nur sagen, dass ich meine Augen nicht mehr öffnen kann.

Das Aufwachen, jeden Morgen funktioniert es ähnlich, ein bisschen blinzeln, ist es denn schon hell im Zimmer oder kann ich noch liegen bleiben, ein Blick auf die Uhr, ein Blick über die Schulter, ja, ich habe die Nacht wieder allein verbracht, doch heute ist es anders. So sehr ich mich bemühe, ich kann meine Lider nicht öffnen. Nichts bewegt sich. Blind wälze ich mich aus dem Bett, lande auf den Knien, rutsche auf den Knien durch mein Zimmer, blind, stoße an den Schreibtisch. Hier müsste ein Spiegel hängen, keine Chance, ich kann meine Augen nicht öffnen, ich kann mich nicht sehen. Ich spüre Panik, leise, die Knie schmerzen, meine Hände fahren über mein Gesicht. Da ist das Kinn, der Mund, Wangen, Nase – die Augen, die doch immer in ihren Höhlen ruhen. Flinke kleine Höhlentiere, die sich niemals hinaus bewegen und doch alles verfolgen, was sich um sie herum abspielt. Sie sind nicht mehr in ihren Höhlen. Die Haut, geschwollen, dick, die sonst so glatte Haut ist pustelig und rau, wo früher Höhlen waren, sind jetzt Hügel, pustelig und ein wenig klebrig und plötzlich bin ich erleichtert, dass ich mich nicht im Spiegel sehen kann.

Oder sind es gar nicht die Augen, die geschwollen sind, die Haut an den Fingerkuppen spannt und juckt, ich kann mir nicht vorstellen, möchte mir nicht vorstellen, wie die haut sich weitet und rötet, mit leisem Schmatzen werden Zellen auseinandergerissen, es pulsiert und tobt in mir, ich kann die Finger schon nicht mehr bewegen und auch mein Gesicht schwillt an, es sind nicht nur die Augen, langsam deformiert sich die Nase, der Mund verschwimmt und überall die Pusteln, rot und grob und dick, und aus den Poren rinnt langsam diese dünne, klebrige Flüssigkeit, ich kann sie nicht sehen, nicht mehr spüren, nur riechen, der Geruch steigt in meine Nasenlöcher, faulig, giftig und doch beruhigend.

Ich kann schon nicht mehr knien.

Die Beine schwellen an, die Füße und es kann sich nur noch um Augenblicke handeln, bis alles explodiert, ich liege auf dem Rücken, bewegungsunfähig und niemand sieht mich, niemand hört mich und niemand riecht mich, auch wenn der faulige Geruch langsam unerträglich wird, vielleicht kann nur ich ihn riechen. Und ich weiß, dass ich so nicht sterben kann und so doch sterben muss, alles explodiert, in wenigen Augenblicken ist nichts mehr von mir da, die Flüssigkeit tropft von Wänden und Türen in den Räumen, die niemand mehr betreten wird, eine vergessene Welt mitten unter euch und niemand fragt nach mir, niemand sehnt sich nach mir und niemand will wissen, warum alles schwillt. Es schwillt und tobt in mir, es pulsiert und muss heraus und noch zieht sich jede Pore zusammen, es wird nicht mehr lange dauern.

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